Stefan Tolksdorf – Journalist

Sichträume für die Wildnis

Die Malerin Ute Wilke

Seit dem Jahr 2007 erschliesst die Malerin Ute Wilke in ihren Tierbildern der Wildnis neue Räume.
Die lange Tradition des Tieres in der Kunst betont einen Aspekt, der diese Malerin schon immer befremdet hat:
Den Wunsch nach Bemächtigung.
Von den Höhlenmalereien von Alta Mira über die Jagdstillleben des Barock bis zu den Illustrationen in Brehms Tierleben erscheint das abgebildete Tier stets in Bezug auf den Menschen im Spannungsfeld von Natur und Zivilisation – als jagbares oder domestizierbares „Wild“, als „Mittel zum Zweck“ oder Objekt zoologischen Ordnungsdenkens – fest verortet im Geflecht menschlicher Interessen und Absichten.
In seiner natürlichen Dignität als fremdes Gegenüber erscheint es auch in der heutigen Kunst eher selten, häufiger im Zustand des hilflosen Opfers und im Kontext wachsender Naturzerstörung.

Ute Wilkes Tierliebe ist von anderer Art.
Was sie in ihrer vielgestaltigen Malerei vorführt, ist die Bewegung einer Annäherung, welche Grenzen zugleich wahrt und auflöst.
In ihren Großformaten – Pigmente und Acryl auf Leinen und nicht grundierter Leinwand – führt sie uns das Tier so hautnah vor Augen, dass wir den weichen Flaum der Adlerfedern (aus der Serie „die Gefiederten“) oder das widerspenstige Fell des aufgeschreckten Affen mit Händen zu greifen meinen – doch betont sie in der größtmöglichen Nahsicht und Ausschnitthaftigkeit zugleich die Autonomie und Unberührbarkeit des per se fremden Wesens, das sich jeden Zu- und Über- und Eingriff verbietet.

Indem sie andererseits die Bewegung des Tieres in reine Farbbewegung überführt, die Grenzen zwischen Farb- und Tierkörper auf subtile Weise auflöst und verwischt, entzieht sie ihr Motiv auch der vorschnellen sprachlichen Fixierung.
In der extremen Nahsicht kommt uns das tierische Gegenüber wie zum ersten Mal entgegen.

Das im Tierbild häufig aktivierte „Kindchenschema“ wird dabei bewusst ausgeklammert.
Zur Projektionsfläche menschlicher Emotionen und Bedürfnisse bietet sich diese zur „peinture pure“ tendierende Tiermalerei schon deshalb nicht an, weil die Bewegung des flexiblen Farbkörpers, seine Nahsicht und betonte Ausschnitthaftigkeit der fixierenden Absicht des Portraits prinzipiell entgegen stehen.

Dieser gelungenen Verfremdungstechnik entspricht die Haltung der Malerin zu ihrem Motiv: Bewunderung, Respekt und maximale Empathie sind hier spürbar, aber auch die stets abverlangte Genauigkeit des Blicks.

Nur indem Ute Wilke sich ganz auf ihr tierisches Gegenüber einlässt, sich in dessen Motorik, seinen „Bewegungskörper“ versenkt und diesen mit dem Pinsel aus der Erinnerung gleichsam reaktiviert, ja im Malakt förmlich mit ihm verschmilzt, können Bilder von einer solchen Präsenz und malerischen Dichte entstehen: Tierbilder der anderen Art, an der Grenze zur Gestaltauflösung- oder
Neu(er)findung.

Generell gilt: Die Nahsicht ist reine Malerei, die Fernsicht bietet die Illusion eines Fotos, ohne dass der Begriff „Fotorealismus“ sich für ihre Beschreibung anböte.
In ihrer vermeintlichen Vorläufigkeit wirken einige der in Tusche und Kreide ausgeführten Farbzeichnungen eher wie Rohentwürfe, Skizzen und gestische Beschreibungen einer versuchten Annäherung. Sie transportieren ausdrucksstark immer auch das stumme Eingeständnis, dass menschliche Wahrnehmung das Wesen des Tieres niemals erfassen, ihm nie wirklich gerecht werden kann. Das animalische Gegenüber bleibt uns bei allem Gefühl von Vertrautheit und intuitiver Verwandtschaft doch immer fremd.

Gerade in dieser grundsätzlichen Ambivalenz liegt für mich der Reiz dieser ebenso dynamischen wie hochsensiblen Bilder, insbesondere der Serie „die Gefiederten“.

Flugfähigkeit bedeutet hier nicht nur Freiheit.
Auch die Mühe des „Sich-Aufschwingens“ wird hier zum Thema. Das Tier im Sog des Utilitarismus, gleichermassen verdinglicht wie missbraucht – auch diese Erfahrung motiviert Ute Wilke zu überraschenden Bildern:
Wenn sie die Zustände in den Versuchstieranstalten derart persifliert, dass anstelle von Mäusen, Ratten und Meerschweinchen auf Miniaturformat geschrumpft Großsäuger – Flusspferde, Nashörner und Elefanten – zu Objekten anonymer Versuchsanordnungen werden ( eine menschliche Hand nähert sich ihnen von oben), ist implizit auch der Wunsch formuliert, unsere Mitwesen mögen solcher „Handhabe“ generell entzogen sein.

Die „Würde des Tieres“ – in dieser Künstlerin hat sie eine überzeugende Anwältin, wobei sich nirgends eine Absicht oder einseitige Lesart aufdrängt.

Ute Wilke malt in Serie. Ein Motiv oder eine Bildtechnik wird experimentell so lange erkundet und umkreist, bis sich aus der Intensität der Arbeit neue Wege auftun.
So haben sich aus der reinen Malerei Formen entwickelt, die assoziativ auf Mensch und Natur Bezug nehmen: Hüllen, Blasen, Gefäße und Kokons. Mikrobiologische Verwandtschaftslinien und faszinierende Formallegorien werden aufgezeigt, wobei abermals die Erfahrung des Fremden dominiert, das sich der begrifflichen Einordnung versperrt.

Diese (vorsprachliche) Fremdheitserfahrung, die Verunsicherung des „zementierenden Blicks“, die Evokation neuer, überraschender Sichtweisen – eben darum geht es der Kunst. Vor der Benennung kommt immer das Sehen, das weiß die Malerin Ute Wilke – und öffnet unseren Augen neue Erlebnisräume, eine neue „Wildnis“.

Stefan Tolksdorf